Das Phantom der Arge? Oder: Der Mythos vom Fachkräftemangel
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Das Phantom der Arge? Oder: Der Mythos vom Fachkräftemangel

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Das Phantom der Arge? Oder: Der Mythos vom Fachkräftemangel

April 18, 2017 Sascha Grosskopf

„Deutschland fehlt es an Fachkräften!“ Darin sind sich Manager und Politiker schnell einig. Aber wieso ist die Arbeitslosenquote dann auf einem historischen Tief? Am Ende kommt man sich wie ein Ermittler vor, der eine Verschwörungstheorie aufdeckt: Den Mythos vom Fachkräftemangel. Was steckt dahinter?

Gerade in Zeiten des Internets kursieren viele wilde Geschichten. Zwar gab es schon in der Historie Verschwörungstheorien wie die angebliche Behauptung, dass einst die Kirche von dunklen Geheimbünden, wie den Illuminaten unterwandert und beherrscht würde – aber seit der Jahrtausendwende sprießen Konspirationstheorien scheinbar wie Pilze aus dem Boden. Die Mondlandung, das Attentat auf Kennedy und der 11. September – da steckten natürlich Geheimdienste wie die CIA hinter. Lange Zeit blieben solche Fantastereien auf deutschem Boden die Ausnahme, doch es ist Bewegung im Spiel.

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist zwar nicht unbedingt als Verschwörungstheorie zu bezeichnen, aber derzeit wird deutlich, dass Fakt und Fiktion auseinanderklaffen. Quasi täglich ist in den Medien zu lesen, dass es Unternehmen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ an geeigneten Mitarbeitern fehlt. Die neue Fachkräfteengpassanalyse der Agentur für Arbeit stellt dagegen schon gleich zu Beginn klar, dass sie einen Mangel nicht erkennen kann:

Häufig ist zu hören, dass qualifizierte Fachkräfte gesucht werden und Deutschland auf einen

Fachkräftemangel zusteuert. Eine allumfassende Kennzahl zur Messung von Mängeln bzw. Engpässen gibt es jedoch nicht. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedürfen jedoch einer objektiven Einschätzung, wie sich die Fachkräftesituation berufsfachlich und regional darstellt. (..) Aktuell zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland.“

Alles nur Schall und Rauch?

Es wird also bereits angedeutet, dass der Arbeitsmarkt sich in einer Transformationsphase befindet, welche von den meisten Unternehmern und Industriekapitänen als Fachkräftemangel fehlinterpretiert wird. Freilich gibt es Branchen, die mit passendem Nachwuchs zu kämpfen haben, wie in den Gesundheits- oder Pflegeberufen. Im Vergleich zu 2016 hat sich die schwache Engpasslage im Ingenieurswesen und in der Elektrotechnik – die wohlgemerkt nur auf Expertenebene vorherrschte – bereits wieder entspannt. Dies ist insofern interessant, da gerade Deutschland immer als Land der Ingenieure gepriesen wird und gerade hier viel gejammert wird. Schenkt man den Klagen der Wirtschaftsbarone Glauben, so könnte man meinen, dass bald niemand mehr unsere Maschinen und Autos entwickeln und bauen kann. Dass aber ausgerechnet einschlägig wichtige Sparten für die Gesellschaft wie Krankenpfleger fehlen, ist den meisten Lobbyisten dagegen keine Meldung wert – und das trotz einer eindeutig immer älter werdenden Gesellschaft! Auch andere alltäglich Berufe wie Friseure oder Fahrlehrer laufen nach Angaben der Arbeitsagentur Gefahr in der Zukunft – und nicht gegenwärtig – ein Nachwuchsproblem zu entwickeln.

Dabei wird bei diesem Thema völlig übersehen, dass Zeit und Ort ebenfalls stark schwanken, wenn es um die Besetzung ausgeschriebener Stellen geht. So haben es alteingesessene Mittelstandsunternehmen auf dem Land verständlicherweise schwerer einen jungen IT-Experten ans Unternehmen zu binden als eine flottes Start-Up in Berlin.

Oft wird auf eine Studie des IW (Institut der Deutschen Wirtschaft) und des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) verwiesen, die 2015 in einer Erhebung prognostiziert haben, dass Deutschland bis 2029 390.000 Ingenieure fehlen würden. Das dystopische Szenario wurde dabei in den düstersten Farben gezeichnet.

2009 hatten aber dieselben beiden Organisationen nur 140.000 fehlende Stellen vorhergesehen. Wenn man bedenkt, dass hinter den meisten Studien auch immer ein Auftraggeber mit gewissen Interessen steckt, rufen wir damit wieder die Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Denn Organisationen wie IW und VDI betreiben in einem gewissen Rahmen Lobbyarbeit und buhlen um staatliche Subventionen. Dafür wäre es wohl weniger hilfreich, zu verlautbaren, dass es der Branche so gut wie nie geht und es keinerlei Veränderung bedarf. Und Hand aufs Herz: Gibt es irgendeine Branche in Deutschland, die nicht irgendwie über ihre Pressesprecher auf Bundesebene verlauten lässt, dass sie mehr Geld und Unterstützung bräuchte, sonst erleben wir in 20 Jahren dieses und jenes düstere Szenario?

HR muss sich auf die Bewerber einstellen – nicht umgekehrt!

Nun muss man festhalten, dass der Automobilbau, der Maschinenbau und die Chemiebranche in Deutschland tatsächlich das Zugpferd unserer heimischen Wirtschaft sind. Dementsprechend finden auch die Klagerufe der Entscheider dieser Branchen Gehör bei den politischen Entscheidern und den Top-Medien. Statt in Zusammenarbeit mit Universitäten oder Beratungsfirmen in Bildung zu investieren, können große Unternehmen auch einfach Studien auf den Markt werfen, Vorträge auf Kongressen halten und darüber klagen, dass die Konzerne dringend Hilfe von der Politik brauchen, weil ihnen sonst das Personal ausgeht.

Auf diese Weise wurde in den letzten 10 Jahren ein Bild heraufbeschworen, das so gar nicht existiert, wie die Arbeitsagentur bereits herausgestrichen hat. Aber auch wenn man den Mittelstand befragt, wird rasch deutlich, dass man es lediglich mit einer Verschiebung der Paradigmen zu tun hat, sprich: Die deutschen Unternehmen müssen sich anders auf die kommenden Jahrgänge einstellen – und nicht umgekehrt. Für den Bereich HR und Recruiting bedeutet dies beispielsweise ein modernes Onboarding, das auch den Ansprüchen des digitalen Zeitalters entspricht. In älteren Beiträgen hatten wir uns bereits ausführlich mit solch vergeudeten Potenzial beschäftigt, da die meisten Unternehmen noch nicht begriffen haben, dass sogar schon Bewerber als Touchpoints mit der Arbeitgebermarke zu begreifen sind. Besonders kleinere und mittelständische Unternehmen auf dem Land, sowie Einrichtungen für Gesundheit und Pflege, die alle keine einflussreiche Lobby hinter sich wissen, müssen handeln. Denn auch dort gibt es sie, die Fachkräfte. Sie bewerben sich nur schlicht woanders. Vielleicht in einer Stadt, wo sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen. Aber wie viele Firmen in der Peripherie kommen zum Beispiel auf die Idee, mit anderen Unternehmen einen gemeinsamen Betriebskindergarten hochzuziehen, um diesem Problem entgegenzuwirken? Solange solche Schwierigkeiten noch nicht gemeistert sind, wird es zwar keinen umfassenden Fachkräftemangel geben, dafür aber wird die Urbanisierung und Landflucht die Hidden Champions in den ländlichen Regionen vor schwere Herausforderungen stellen.

Generell müssen Unternehmen mehr in Konsolidierung und Digitalisierung investieren, wenn sie nicht irgendwann wirklich einen Fachkräftemangel heraufbeschwören wollen. Bisher steht Deutschland noch gut dar, aber immer mehr junge Menschen aus dem europäischen Ausland strömen in die Bundesrepublik, um hier einen Job zu finden. Wenn nicht langsam ein Ruck durch die deutsche Unternehmenslandschaft geht, dann kann sich ein solches Szenario womöglich irgendwann auch hier zwischen Rhein und Oder wiederfinden. Nicht mehr die Firmen, sondern die Mitarbeiter werden dann ins Ausland abwandern.

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