Gefälschte Zeugnisse: Die dunkle Seite der Bewerber
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Gefälschte Zeugnisse: Die dunkle Seite der Bewerber

Talent Management

Gefälschte Zeugnisse: Die dunkle Seite der Bewerber

August 22, 2016 Geoffroy De Lestrange

In einem unserer letzten Beiträge gaben wir einen Ausblick auf den HR Swiss Congress am 7. September in Bern. Das Kernthema um den Mitarbeiter der Zukunft verglichen wir augenzwinkernd mit dem Experiment von Viktor Frankenstein, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Wir zeigten Chancen und Risiken des technologischen Fortschritts für das Personalmanagement auf und wie der Mitarbeiter der Zukunft aussehen könnte. Dieser Prozess, so schlussfolgerten wir, sei kein fehlgeschlagenes Frankensteinexperiment, sondern eine Entwicklung mit hellen und dunklen Seiten, ähnlich der Geschichte um Dr. Jekyll und Mr.Hyde. Diese Geschichte soll nun fortgesetzt werden, denn erst vor kurzem hat ein Skandal aus der Politik die Öffentlichkeit auf eine andere Brisanz im HR-Prozess aufmerksam gemacht, die sehr an die düstere Parabel erinnert.

„Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, jenes berühmte Buch aus der Feder von Robert Louis Stevenson, das von dem jovialen Dr. Jekyll handelt, der durch einen mysteriösen Trunk die dunkle Seite seiner Seele von sich trennen kann – mit dem Resultat, dass er eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt: Tagsüber der angesehen Dr. Jekyll, verwandelt er sich des nachts in den skrupellosen und kriminellen Mr. Hyde, der weder vor Lug, Trug noch Mord zurückschreckt. Der Weltroman ist nicht nur eine literarische Fallstudie über Schizophrenie, sondern auch eine Allegorie über den ambivalenten Charakter des Menschen, dessen Persönlichkeit sich ähnlich bricht wie die Prismen eines Lichtstrahls im Kristallglas. Denn so fantastisch schauerlich die Erzählung auch klingen mag, so finden sich solche Vorfälle auch im wahren Leben, wenn vermeintlich tugendhafte Menschen ein geheimes Doppelleben führen.

Doch der Fall von Jekyll/Hyde findet sich auch im 21. Jahrhundert. Diesmal ist es eine Dame namens Petra Hinz. Die nach außen hin unscheinbare Abgeordnete im Deutschen Bundestag verkündete erst vor kurzem, dass sie von ihrem Amt zurücktritt, nachdem bekannt wurde, dass ihr ganzer Lebenslauf erstunken und erlogen war: Weder habe sie ihr Abitur abgelegt, noch studiert – auch ein Staatsexamen hat sie nie absolviert. Damit kokettierte die SPD-Dame jedoch in ihrer offiziellen Vita, was nicht einfach nur eine Lüge, sondern auch vor dem Gesetz einen Betrug darstellt und womöglich sogar als Urkundenfälschung geahndet werden kann. Doch damit nicht genug. Schaut man hinter die lächelnde Fassade der vermeintlich bodenständigen Volksvertreterin, so tun sich dort noch weitaus größere Abgründe auf.

So wurde bereits 2009 ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung gegen die Dame eingeleitet, das erst gegen eine Geldauflage eingestellt wurde. Danach sorgte die hohe Fluktuation in Frau Hinz‘ Büro für Aufsehen. Über 50 Angestellte soll die Abgeordnete im Laufe ihrer Zeit verschlissen haben. Mobbing, Diffamierungen, ständige Überwachungen und Übertragung demütigender Aufgaben seien an der Tagesordnung gewesen. Als sich schließlich ehemalige Mitarbeiter mit einem anonymen Brief an die Öffentlichkeit wandten, rückte Petra Hinz immer mehr in den Fokus. Erst darauf bemerkten Journalisten Unregelmäßigkeiten in ihrem Lebenslauf und schließlich flog die ganze Scharade auf. Wir wussten demnach nie, ob gerade Dr. Jekyll oder Mr. Hyde für uns im Bundestag saß. Nach außen hin eine ehrbare Volksvertreterin – hinter den Kulissen eine Hochstaplerin, die ihre Mitarbeiter terrorisierte.

Abseits der hohen Politik wird es fast schon zur Normalität, im Berufsalltag eine Maske aufzuziehen und sich in gesellschaftlich akzeptablerer Form zu präsentieren. Niemand weiß dies so gut wie die Recruiter. Denn es steht außer Frage, dass nicht nur Petra Hinz eine Art Doppelleben führte und sich nach außen hin einen Fake-Lebenslauf schuf. Es ist nur schwer abzuschätzen, wie viele Bewerbungen, Zeugnisse und Lebensläufe frisiert sind. Dabei muss zwischen optischer Kosmetik im Anschreiben und expliziter Falschdarstellung unterschieden werden. Eine bessere Note hier, ein erfundener Arbeitgeber dort. Man muss heute kein Genie mehr sein, um seine Unterlagen zu fälschen: Zeugnis einscannen und schon mit einfachen Programmen wie Paint kann man die Noten im Zeugnis ein wenig aufpeppen. Wenn man dann noch bedenkt, dass der vorige Chef vom Gesetz dazu angehalten wird, das Arbeitszeugnis wohlwollend zu formulieren, verkommt der Bewerbungsprozess für die Recruiter zur reinsten Scharade.

Da Personalern häufig die Zeit und auch die Mittel fehlen, um alle Bewerbungen auch noch auf den Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, lagern immer mehr Unternehmen diese Aufgaben auf Detekteien aus. Diese Schnüfflerbüros jagen nicht wie Sam Spade Kleinganoven hinterher, sondern spezialisieren sich auf das Durchleuchten von verdächtigen Bewerbungen. Der Teufel steckt im Detail. So gab es einen Fall, wo ein Bewerber mit herausragenden Zeugnissen diese in Wahrheit alle nur gefälscht hatte – jedoch konnte dies nicht von den Personalern überprüft werden, denn die entsprechenden Unternehmen waren bereits alle pleite. Erst eine Detektei konnte dem Spuk ein Ende bereiten, denn in einem der vermeintlichen Arbeitgeberzeugnisse aus dem Jahre 1991 war eine fünfstellige Postleitzahl angegeben…diese wurden jedoch erst 1993 eingeführt! So flog der Schwindel auf.

Eines der bekanntesten Büros dieser Art ist die Detektei Kocks in Düsseldorf, die angibt, dass es bei etwa 5000 Bewerbungen 1500 Fälle von Unregelmäßigkeiten gab. Aber nicht alle HR-Abteilungen wollen ihre Aufgaben an eine Detektei übertragen, viele wollen der faulen Sache selbst auf den Grund gehen. Leider ist es für den Arbeitgeber gar nicht so einfach, personenbezogene Daten von ihren Bewerbern zu erhalten. Die sensiblen Informationen dürfen nur bei denjenigen Stellen abgefragt werden, denen der Bewerber zuvor sein Einverständnis gab. Viele ziehen ihre Bewerbung jedoch lieber zurück statt diese Einwilligung zu geben. Nun muss dies aber nicht zwangsläufig heißen, dass diese Personen ihre Zeugnisse auch gefälscht haben; vielen ist der Gedanke auch verständlicherweise nicht recht, dass das Unternehmen derart private Daten überprüfen möchte. Damit steckt die HR in einer Zwickmühle.

Dabei kann man nicht in allen Fällen die Demarkationslinie derart trennscharf setzen. Wenn nun ein Bewerber seine Arbeitslosigkeit durch Selbstständigkeit kaschiert, kann nicht definitiv von einer Lüge oder Fälschung gesprochen werden – mehr von Schönfärberei, bei der aber letztlich nicht einmal ein böser Wille dahintergesteckt haben muss. Doch ganz so schutzlos stehen die Unternehmen auch nicht da. Selbst wenn ein falscher Bewerber eingestellt wird und sich der Betrug erst nach Jahren ergibt, stellt dies eine Täuschung und einen Kündigungsgrund dar. Zudem kann der Arbeitgeber den Maulwurf auf Schadensersatz verklagen und einen Teil des Gehalts zurückverlangen, da dem Ex-Mitarbeiter dies niemals zugestanden hätte. Die beste Art, Betrügern aber auf die Schliche zu kommen, ist es sie mit Detailfragen zu durchlöchern, denn nur wenige Scharlatane haben ihre Lügengeschichten bis ins Detail durchdacht. Auch der sogenannte digitale Fingerabdruck stellt eine heiße Spur dar, ob jemand ein Sprachseminar in China absolviert hat oder durch Einträge in ein Onlineforum zur selben Zeit unbewusst angegeben hat, dass er in Wahrheit arbeitslos in Wanne-Eickel herumlungerte.

Warum aber treibt es immer wieder selbst junge Talente zu solchen Schritten? Sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt so schlecht? Ist es die Gier nach einem besseren Job als er einem eigentlich zusteht? Oder sind es jahrelange Enttäuschungen bei den Unternehmen? Immerhin schummeln auch viele Arbeitgeber und bieten in den Stellenausschreibungen Karrieren an, die so gar nicht stattfinden. Aber Psychologen streiten bereits seit hundert Jahren über die Frage, was selbst unbescholtene Bürger dazu treibt, ohne Not vom rechten Pfad abzukommen, ihrer dunklen Seite, dem Mr. Hyde in uns allen, nachzugeben. So werden womöglich erst die Gerichtsverfahren, welche auf Frau Hinz zukommen, zeigen, warum sie all dies tat und glaubte, damit davon zu kommen. Immerhin scheint es ebenso unerklärlich, warum dies in der Familie und der Partei niemand gewusst haben wollte. Fest steht aber, dass Menschen, die schon in ihren Papieren gelogen haben, häufiger kriminell oder zumindest unter der Definition des Gesetzes straffällig werden. Demnach bewahrheitet sich der alte Spruch, dass auf eine Lüge die nächste folgt. Es bleibt abzuwarten, wie die HR auf diese Methoden adäquat reagiert und ob an dem Fall um Petra Hinz ein Exempel statuiert wird. Sollte sie trotz aller Appelle immer noch nicht zurücktreten, wird sie wie ein untoter Dracula-Verschnitt weiterhin unter den lebenden Abgeordneten wandeln und an ihren Bezügen auf Kosten des deutschen Volkes saugen, wie ein Vampir an der Kehle einer Jungfrau.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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