Mitarbeiter der Zukunft oder: Die Evolution des modernen Prometheus
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Mitarbeiter der Zukunft oder: Die Evolution des modernen Prometheus

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Mitarbeiter der Zukunft oder: Die Evolution des modernen Prometheus

August 15, 2016 Sascha Grosskopf

„Es lebt!“, brüllte einst Viktor Frankenstein, nachdem er seinen untoten Unhold im Labor unter starker Zufuhr von Elektrizität erstmalig zum Leben erweckte. Jedem dürfte diese Szene ein morbides Bild vor die Augen zaubern, dabei hat dieses bekannte Schauerszenario so niemals in dem legendären Buch von Mary Shelley stattgefunden. Bekannt wurde die düstere Erweckungszeremonie erst durch die sehr erfolgreiche Filmumsetzung von 1931 mit Boris Karloff als wankelmütigem Monster. In der literarischen Vorlage war der verrückte Doktor aus der Schweiz in Wahrheit nämlich sprachlos, als er das wandelnde Resultat seiner Bemühungen direkt vor Augen sah und daraufhin von nacktem Entsetzen und Ekel ergriffen. Auch sonst schickt sich die Quelle weniger reißerisch an, als es uns die Popkultur zum Ursprungswerk glauben machen will. Tosende Blitze in einer alten Burgruine, hoch über den Dächern Ingolstadts auf einem Berg thronend, die Dr. Frankenstein über einen riesigen Schalthebel auf das Monster umleitet, um dessen Herz zum Schlagen zu bringen – eigentlich schrieb die Autorin lediglich von einem gewöhnlichen Haus und in der besagten Novembernacht von etwas Regen; wie genau die Kreatur zum Leben erweckt wurde, klammerte sie hingegen aus. Auch hat Frankenstein das Wesen nicht aus Einzelteilen von Leichen zusammengenäht, deren Gräber er zuvor geschändet hatte, sondern lediglich aus Fleischabfällen, die er kostenlos beim Metzger um die Ecke erstehen konnte. Sein häufig zitierter, buckliger Diener namens Igor ist ebenfalls eine falsche Zuschreibung zum Originalstoff.

Industrie 4.0 ist kein außer Kontrolle geratenes Experiment

In Wahrheit war Shelleys Werk nämlich nicht als Horrorroman, sondern als Parabel auf den technologischen Wandel mit all seinen Chancen, aber auch Gefahren und Ängsten konzipiert. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann mit der Erfindung der Dampfmaschine eine Entwicklung, die uns bis ins 21. Jahrhundert verfolgt: Der Fortschritt – über weite Epochen von Kirche und Hochadel ausgebremst – brach sich nun Bahn und es gab für den menschlichen Erfindergeist kein Halten mehr. Das schon damals rasant anmutende Tempo wirkt heute ebenfalls noch auf viele Menschen einschüchternd. Vielleicht mag dies erklären, warum wir bereits bis in den Weltraum vorgestoßen sind, aber in unseren Alltagsbüros auf fossile Methoden setzen. Lange hat es z.B. gedauert bis Excel und Power Point fester Bestandteil bei Unternehmenspräsentationen wurden. Nun wo sie fest etabliert sind, sind sie auch schon wieder veraltet. Noch gravierender treten die Mängel bei integrierenden Systemen und einer kompletten IT-Infrastruktur zu Tage. Wir befinden uns mittlerweile im dritten Zeitalter der technologischen Revolution und dies verändert auch die Welt in der wir arbeiten. Immerhin wurde in Shelleys Roman auch nie ausdrücklich erklärt, warum Frankenstein solch ein Experiment wagte. Man möge sich ausmalen, was er aus seiner Kreatur gemacht hätte, wenn sie sich besser ins soziale Umfeld hätte einbinden lassen. Da Frankenstein tatsächlich keinen glupschäugigen Handlanger namens Igor besaß, hätte er das Monster womöglich zu seinem Mitarbeiter gemacht.

Mitarbeiter sind Konsumenten – keine hirnlosen Handlanger!

Bis heute scheinen einige Manager ein ähnliches Bild von ihren Mitarbeitern zu haben, das Bild von willenlosen Erfüllungsgehilfen. Dabei sind die Angestellten weitaus mehr als nur Zahnräder in einer seelenlosen Maschinerie. Line-Manager und HR-Experten haben langsam damit begonnen, die eigenen Mitarbeiter als Konsumenten wie ihre Kunden mit individuellen Erwartungen zu betrachten. Immer noch gibt es jedoch genug Unternehmer, die glauben, dass sie sich den perfekten Mitarbeiter aus Einzelsteilen zusammenstückeln könnten wie einst Viktor Frankenstein, einen künstlichen Prometheus sozusagen. Diese Ansicht hat unmittelbare negative Auswirkungen auf die Performance der Belegschaft und damit letztendlich auf das Unternehmen als Ganzes. Eine der Aussagen des Romans ist nämlich auch, dass niemand als Monster geboren, sondern höchstens erst im Verlaufe seines Lebens durch die Umwelt zu einem gemacht wird. Das hirnlose Ungetüm steht hier natürlich als Allegorie für Anomalien in unserem Alltag, mit denen wir nicht umgehen können. Ähnlich wie die Menschen von Ingolstadt nicht mit Frankensteins Kreatur umgehen konnten – statt es zu integrieren, trieben sie es wie ein Tier in die Enge, was schließlich die ganze Tragödie erst auslöste. Dies bestätigte auch eine IDC-Studie, die in Zusammenarbeit mit Cornerstone OnDemand entstanden ist – zugegeben: Sie analysierte nicht die These wie Menschen auf Monster reagieren, sondern die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und die Integration von Angestellten ins Unternehmen sowie deren Ursachen und Auswirkungen auf die Welt in der wir morgen arbeiten werden.

HR-Kongress in Frankensteins Heimat

Wie aber der Mitarbeiter der Zukunft aussehen könnte, wird bald auf einem Event in Frankensteins Heimat, der Schweiz geklärt. Denn anders als manche Behauptungen war der verlotterte Wissenschaftler kein Bayer, sondern Schweizer – er hatte lediglich in Ingolstadt studiert und stammte eigentlich aus Genf. Und so wie einst Ingolstadt im 19. Jahrhundert ein florierender Hort der Naturwissenschaften war, so trifft sich am 6. September in Bern das Who is Who der HR-Spezialisten auf dem 7. HR-Swiss Congress. Über 450 Verantwortliche aus dem Schweizer Personalmanagement geben Branchen Insights, halten Vorträge und betreiben Networking mit Kollegen. Ein aktuelles Themawährend des Kongresses ist der Umbruch, in dem sich die momentane Arbeitswelt befindet. Digitalisierung, demographischer Wandel und Globalisierung setzen viele Unternehmen unter Druck und nur wenige erkennen darin Potenzial und Chancen. Viele konservative Manager erblicken in den gegenwärtigen Entwicklungen keine Neugeburt der Unternehmenswelt, sondern wollen darin nur Frankensteins Monster erkennen, das ihnen mit seinen kräftigen Pranken an die Gurgel will.

Diese Einstellung hemmt jegliche Innovation und sorgt lediglich für ein Konservieren des Status quo. Dies sorgt für eine Asymmetrie im Verhältnis zu den Mitarbeitern, die in ihrem individuellen Freiraum bereits am Fortschritt teilnehmen und entsprechende Erwartungen ans Unternehmen haben. Dies belegen auch Zahlen aus der Studie. Wenn man beim Standort Schweiz bleibt und sie mit den anderen deutschsprachigen Ländern vergleicht, so tun sich interessante Ergebnisse auf:

  • So werden z.B. in den alpinen Kantonen Performance-Reviews nur in 20 Prozent der befragten Schweizer Unternehmen kontinuierlich durchgeführt, 50 Prozent bleiben bei der einmal jährlich stattfindenden Abfrage. In Österreich finden die regelmäßigen Reviews schon jetzt bei 36 Prozent der Firmen auf Basis neuster Technologien statt, in Deutschland immerhin bei 24 Prozent der Unternehmen.
  • Auch interne Schulungen für Angestellte aus der Schweiz finden bei 40 Prozent dort höchstens nur einmal jährlich statt – bei deutschen und österreichischen Unternehmen sind es dagegen 31 Prozent bzw. 32 Prozent, da man dort mehr auf halbjährliche oder sogar regelmäßige Seminare setzt.

Auch gibt es nicht nur Unterschiede zwischen den Nationen, sondern ebenfalls in der Wahrnehmung zwischen HR- und LOB-Managern:

  • So erachteten zwar beide Managementabteilungen in der DACH-Region Recruiting als wichtigste Aufgabe der Personalentwicklung. Aber in Deutschland stand vor allem bei der LOB das Vergütungsmanagement direkt an zweiter Stelle – in der Schweiz landete es auf Platz fünf. Dagegen wählten sowohl die Manager der Eidgenossen als auch die Kollegen aus Österreich Weiterbildung auf Platz zwei, wobei es hier starke Diskrepanzen zwischen der HR und LOB gab.
  • Auf die Frage wie Personalarbeit bewertet werden soll, sehen Deutschland und Österreich vor allem Zufriedenheitsumfragen unter den Mitarbeitern als bestes Kriterium an. In Österreich glauben dies vor allem LOB-Manager. In der Schweiz wird hingegen die Anreizrate als wichtigstes Indiz ins Feld geführt. Und noch vor einer Zufriedenheitsumfrage unter den eigenen Mitarbeitern sehen die Helvetier eine Zufriedenheitsumfrage in den eigenen HR-Abteilungen als besseren Gradmesser an.

All dies wirkt sich natürlich negativ auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus. So können sich immer weniger Beschäftigte in der DACH-Region mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Nur 64 Prozent der befragten Schweizer würden ihr Unternehmen weiterempfehlen und landeten im europaweiten Vergleich damit auf dem vorletzten Platz – nur Italien schloss mit 59 Prozent noch schlechter ab. In Deutschland und Österreich sind die Werte nicht viel besser. Am ausgewogensten war dagegen die Lage im hohen Norden Europas in Skandinavien – genau dorthin wo auch Viktor Frankenstein reiste, um sich seiner janusköpfigen Schöpfung und damit seinem inneren Dämon zu stellen.

Diese und weitere Ergebnisse der Studie werden im Herbst in Bern offiziell vorgestellt. Daher soll auf dem Schweizer Kongress nicht mehr über den künstlichen, sondern den modernen Prometheus diskutiert und neue Personalstrategien entworfen werden. Am Ende sollen dabei nicht nur Lösungen für den Schweizer, sondern auch den europäischen Markt stehen. Dabei gilt es nicht nur, einfach den digitalen Wandel miteinzuschließen, sondern auch ihn richtig zu nutzen. Denn nichts demotiviert Menschen mehr als wenn man sie mit neuen Technologien überfrachtet, die am Ende unkoordiniert umgesetzt und mehr Verwirrung statt Sicherheit stiften. Am Ende entpuppt sich sonst der Fortschritt für so manche Unternehmer als außer Kontrolle geratenes Experiment wie bei Dr. Frankenstein. Dabei besitzt der Zeitgeist sowohl eine gute und eine helle Seite, ähnlich wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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