Bewerbungen vom Ghostwriter: „Dafür übernehme ich keine Verantwortung“
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Bewerbungen vom Ghostwriter: „Dafür übernehme ich keine Verantwortung“

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Bewerbungen vom Ghostwriter: „Dafür übernehme ich keine Verantwortung“

October 24, 2016 Sascha Grosskopf

Unsere Welt fühlt sich an als würde sie sich immer schneller drehen. Dabei hat der Tag immer noch 24 Stunden. Wir wachsen zusammen und werden immer weiter miteinander vernetzt. Dabei verliert man schnell den Überblick und hat Angst, abgehängt zu werden. Wer viel Zeit in seine Ausbildung oder den Beruf steckt, kommt häufig nicht mehr hinterher. So waren die enthüllten Plagiatsaffären um Johannes Guttenberg, Annette Schavan oder Silvana Koch-Mehrin als Belegexemplare nicht nur peinlich, sondern demaskierten auch die Scheinheiligkeit unserer Leistungsgesellschaft. Die Betroffenen hatten nicht nur große Teile ihrer akademischen Arbeiten schlicht kopiert, sondern es steht auch der nie geklärte Verdacht im Raum, dass überhaupt keine Zeile der wissenschaftlichen Abhandlungen von ihnen selbst verfasst wurde. Stattdessen sollen sogenannte Ghostwriter gegen Bezahlung die Dissertationen herunter geschrieben haben.

Sie erinnern sich sicher noch an die Pressekonferenzen, auf denen die Beschuldigten nach dem Versagen ihrer Salami-Taktik endgültig alles gestanden und mit den abschließenden Worten „…dafür übernehme ich die Verantwortung und trete von meinem Amt zurück“ vom Parkett gingen. Diesen Satz hört man von vielen Lenkern aus Wirtschaft und Politik, bevor sie das Weite suchen. Normalerweise lernen bereits Schulkinder, dass Verantwortung übernehmen auch bedeutet, für die Fehler gerade zu stehen, an diesen und sich selbst zu arbeiten, um daraus einen Lerneffekt zu erzielen. Die Plagiatsaffären sind jedoch nur ein Beispiel dafür, dass Verantwortung häufig mit Kapitulation und Rückzug übersetzt wird. Natürlich soll dies keine Anspielung darauf sein, dass die Beschuldigten an ihrem Posten festkleben sollten, aber die Enthüllung von Skandalen in der Vergangenheit zeigte, dass Sätze wie „Ich übernehme Verantwortung“ bei Positionen mit Führungsfunktion einfach nur bedeuten „Mir wird es jetzt zu brenzlig, ich bin deswegen weg vom Fenster. Räumt meinen Dreck bitte weg…“ Wer also Verantwortung übernimmt, gesteht sich damit sogleich Scheitern ein? Ist Verantwortung in unserer Gesellschaft demnach nur noch etwas für Versager? Für Gestalten, die dumm genug oder vielleicht auch einfach nur zu faul sind, sich einer Verpflichtung auszusetzen?

Zumindest erklärt diese Mentalität, warum man in der heutigen Berufswelt nach dieser gegenwärtigen Definition lieber keine Verantwortung mehr übernehmen will. Dies kann von Personalverantwortlichen reichen, die Fehler stets auf niedere Stabsstellen abschieben, bis hin zu Helikopter-Eltern, die ihren Kindern das Verlernen von Selbstständigkeit beibringen. Wenn man beim Beispiel des Ghostwriting bleibt, so fallen einem stets die fremden Abfassungen von wissenschaftlichen Texten ein. Jedoch gibt es mittlerweile Agenturen, die die High-Potentials unserer Gesellschaft sogar nach der Uni begleiten wollen, indem sie z.B. auch deren Bewerbungen und Lebensläufe verfassen. Und auch Fachkräfte mit jahrelanger Berufserfahrung geben häufig ihre Jobsuche an andere ab, die diese Aufgabe gegen Bezahlung gerne übernehmen.

Dass konservative Recruiting-Methoden in Frage gestellt werden ist freilich nichts Neues, aber es wirft nochmal ein ganz anderes Licht auf die Thematik, wenn professionelle Agenturen diese Schwächen erkannt haben und ihre Dienstleistung darauf ausrichten. Zu viele HR-Stellen setzen immer noch auf verkrustete Ausschreibungen für eine offene Stelle. Mit vorsintflutlichen Ansichtsmasken müssten Bewerber sich durch ein Dickicht an Anforderungen quälen. Besitzen die Unterlagen die richtige Speicherkapazität? Sollen Zeugnisse und Lebenslauf getrennt hochgeladen werden? Viele brechen bereits vorher frustriert ab. Andere machen sich den Stress erst gar nicht, sondern beauftragen eine Ghostwriting-Agentur mit dieser lästigen Verpflichtung. Schließlich muss man erst im Vorstellungsgespräch richtig überzeugen und immerhin gibt es auch hier Coaches, die vorher das Beste aus einem rausholen, da auch viele Bewerbungsgespräche von den Recruitern so kreativ und einfallsreich gestaltet sind wie die grauen Tapetenmuster aus der DDR. Den Ghostwritern spielen die meisten Personaleinstellungen dabei vorzüglich in die Karten, denn jeder hat im Laufe seines Lebens schon mal Stellenausschreibungen gesehen, die so austauschbar und ausdrucksfähig waren, wie Sand in der Sahara.

Häufig finden sich in solchen Agenturen ehemalige Recruiter, die die Schwächen des Systems erkannt haben und wissen, wie ihre ehemaligen, unkreativen Kollegen ticken. Dabei muss man nicht mal aus reichem Hause kommen, um heutzutage einen Ghostwriter zu engagieren. Schon ab 60 Euro beginnt die Reise und kann auf bis zu über 1000 Euro klettern – je nachdem wie spektakulär und zielgerichtet die Bewerbung ausfallen soll. Das Spektrum der präparierten Bewerbungen kennt dabei fast keine Grenzen, denn die Agenturen beschäftigen meist ein ganzes Team an professionellen Schreiberlingen, die das Profil ihres Klienten mit der ausgeschriebenen Stelle vergleichen und eine optimale Lösung finden. Häufig pimpt ein Designer dann das Aussehen nochmal richtig auf und arrangiert ein Fotoshooting, um auch optisch das letzte aus dem Emporkömmling herauszuholen. Richtig gute Agenturen durchleuchten das vom Bewerber angestrebte Unternehmen förmlich und erstellen ein ideales Profil. So können sie in etwa abschätzen, ob die Personaler in dieser Firma lieber auf routinierte, aber steife Anschreiben setzen oder es individuell-kreativ mögen. Dabei gibt es Pakete für jede Lebenslage, einige Agenturen bieten sogar ein 24-Stunden-Expresspaket an. Portale wie richtiggutbewerben.de kokettieren zum Beispiel damit, dass sie sogar eine erfolgreiche Bewerbung für eine angehende Astronautin am Deutschen Raumfahrtzentrum in Köln entworfen haben. Über 70 Prozent erhalten eine Zusage zum Bewerbungsgespräch. Daneben gibt es bereits einen Markt von Coaches, welche die Bewerber für das perfekte Vorstellungsgespräch briefen. Dies wird umso einfach, wenn sich die Fragen der Personaler ebenso innovativ erweisen wie die Stellenausschreibung.

Es sind jedoch nicht nur Studenten, die immer häufiger diese Verantwortung abgeben, sondern auch hochqualifizierte Führungskräfte. Denn nach einer Befragung des Jobportals Indeed sind es vor allem Manager, Ärzte und Ingenieure, die den Bewerbungsprozess einfach als schlicht lästig empfinden und diese Aufgaben an andere delegieren. Normalerweise stellen New Hires einen essentiellen Bestandteil der HR dar, denn jeder neue Mitarbeiter ist eine gewagte Investition, die entweder zu hohen Gewinnen oder horrenden Verlusten führen kann. Aber was sagt es über unsere heutigen Personaldienstleister aus, wenn laut der Studie über 50 Prozent der 1.024 Befragten allein das Anschreiben als überaus nervtötend betrachten? Dagegen führten von den mehr als 500 befragten Personalern 61 Prozent an, die Bewerber anhand ihres Anschreibens zu beurteilen, und 45 Prozent ist es wichtig zu sehen, ob sich jemand dabei Mühe gibt – für rund ein Viertel gehört das Anschreiben aber auch einfach dazu und besitzt keine große Aussagekraft.

Eine völlige Umkehrung von Tag und Nacht. Denn die Ergebnisse zeigen, dass Bewerber und Personaler die Relevanz von klassischen Bewerbungen vollkommen anders auslegen und somit faktisch aneinander vorbei leben. Für die einen ist es der Schlüssel zum Traumjob – für die anderen ein Relikt aus der BWL. Liegt die Schuld damit bei der rückständigen HR oder ist in unserer Gesellschaft tatsächlich ein Mentalitätswandel zu beobachten, der sich dadurch ausdrückt, dass man immer mehr Verantwortung ab- und sich der Bequemlichkeit hergeben? Zumindest lässt sich festhalten, dass nicht die HR-Stellen als Gewinner aus diesem Tauziehen hervorgehen. Denn eine vermeintlich gut gestaltete Bewerbungsmappe muss am Ende nicht zwangsläufig von dem Bewerber selbst stammen. Personaler kaufen damit sozusagen die Katze im Sack. Engagement, Stärken, Erfahrungen, Hobbys, ja sogar der häufig beschworene persönliche Eindruck – alles womöglich nur fake?

Vielleicht bleibt das Fazit, dass HR-Verantwortliche nicht nur Fleiß, Mühe und Kreativität von den Bewerbern zu erwarteten haben, sondern dies auch selbst einbringen müssen. Je innovativer der Bewerbungsprozess auf die technologischen Hilfsmittel der Digitalisierung und moderne Assessments baut, umso mehr geht man damit auch auf die Bewerber ein und kann so den frisierten Anschreiben entgegenwirken. So bieten bereits einige Unternehmen an, dass die Kandidaten einfach nur ihren Link zum Xingprofil übermitteln, womit für beide Seiten ohne viel Aufwand der offene Betreff Lebenslauf abgehackt wäre. Eine Win-Win-Situation also. Und dies ist nur ein Beispiel. Erst in einem jüngsten Bericht haben wir uns mit unmenschlichen Bewerbungsverfahren von Unternehmen auseinandergesetzt, die viele Bewerber frustrieren und dazu bewegen solche Agenturen aufzusuchen. Da dieser Konflikt schon lange vor sich hin köchelt, darf es die Personaler nicht wundern, dass die Bewerber nachrüsten, wenn es schon die HR nicht tut.

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