Breaking Bad: Wenn aus Fleiß Arbeitssucht wird
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Breaking Bad: Wenn aus Fleiß Arbeitssucht wird

Talent Management

Breaking Bad: Wenn aus Fleiß Arbeitssucht wird

October 09, 2017 Sascha Grosskopf

„Süchtig? Nach Arbeit? Aber ich doch nicht!“ Der Alkoholiker wird in die Entzugsklinik geschickt, der Workaholic im Betrieb dagegen sogar gefördert: Über 300.000 Deutsche sind Schätzungen zufolge süchtig nach Arbeit, dennoch wird die Krankheit bis heute nicht als solche wahrgenommen. Das kann fatale Folgen für Mensch und Unternehmen haben.

„Hallo, ich bin Sven Meyer. Und ich arbeite“, erklärt ein hagerer Mann von hohem Wuchs zögernd.

„Hallo, Sven“, begrüßen ihn die anderen Mitglieder beim Treffen der anonymen Workaholics aufbauend und warmherzig. Alle sitzen in einem Stuhlkreis und lauschen Kais Erzählung, der seinen Weg in die Sucht retrospektiv wie einen alten Film auf einem Projektor abspult. Dabei hatte doch alles so harmlos angefangen. Noch schnell eine Email hier beantworten, noch diese Anlage buchen…

Mag sein, dass sich eine Selbsthilfegruppe nicht wirklich so klischeehaft abspielt, wie oben beschrieben, aber es ist ein guter Einstieg, um die Problematik klar zu erkennen. Sagt ein Alkohabhängiger „Ich trinke“, weiß sofort jeder, was gemeint ist. Dieser Mann kann nicht einfach die Flasche weglegen, wenn er keinen Durst mehr hat. „Ich kokse!“ Solche Leute haben ein starkes Abhängigkeitsproblem mit Rauschgiften. Aber sagt jemand „Ich arbeite“, so beschreibt er damit für die meisten Menschen kein Suchtproblem, sondern eine alltägliche Handlung. Schließlich arbeiten bei der gegenwärtigen Konjunkturlage so viele Menschen in Deutschland wie seit 1990 nicht mehr. Ein gutes Zeichen? Eigentlich schon, aber wenn einer sagt „Ich arbeite“, so legt er kein Bekenntnis ab, sondern schildert schlicht seinen Tagesablauf. Und selbst wer sein Problem genau benennt mit dem Satz „Ich bin ein Workaholic“, wird eher ein Schmunzeln ernten statt eines besorgten Blickes. Das liegt daran, dass das Wort Workaholic scheinbar zum trendigen Modewort im 21. Jahrhundert avanciert ist. „Ich bin wohl ein Workaholic“ sagen viele im Scherz, wenn sie sich gerade um viele Projekte gleichzeitig auf der Arbeit kümmern müssen. Ob kaufsüchtige Shopaholics oder nimmersatte Schokoholics, das Thema Arbeitssucht wird halt noch nicht als solches wahrgenommen.

Zahl der Burn-Outs steigt – Herausforderung für Versorgung?

Wie viele Menschen in Deutschland als Workaholics definiert werden können, ist nicht ganz klar. Die meisten Erhebungen geben 200.000 bis 300.000 Menschen an – einige Schätzungen reichen gar bis zu 500.000 Betroffenen! Häufig kann sich die Sucht im Endstadium auch durch Burn-Out ausdrücken. Klar ist, dass sich zumindest die Zahl der beruflichen Fehltage seit 1997 verdreifacht hat. Allerdings kann man dabei nicht zwangsläufig von einer Korrelation ausgehen. Auch die steigende Anzahl an Fehltagen muss nicht unbedingt durch eine Erhöhung der Arbeitsnorm und des Leistungsdrucks entstanden sein. Es könnte viel mehr Ausdruck sein, dass Menschen sensibler für solche Probleme geworden sind und Ärzte häufiger als früher eine Diagnose hierzu stellen.

Auffällig ist auch, dass fast doppelt so viele Frauen wie Männer an psychischen Erkrankungen leiden, die durch übermäßigen Arbeitseinsatz entstanden sind. Das ist insofern interessant, weil als Stereotyp des rastlosen Karrieristen in der Regel immer ein Mann dargestellt wird. Aber auch hier gibt es einen Erklärungsansatz, denn im Umkehrschluss zu dem Klischee des erfolgreichen Mannes – dem scheinbar alles gelingt – steckt auch gleichzeitig das Stigma, dass Männer keine Schwächen zeigen dürfen. Vor allem wer sich eingesteht, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, muss immer noch darum bangen, als Weichei abgestempelt zu werden. Sprüche wie „Nun, stell Dich mal nicht so an“ oder „Andere Menschen haben schließlich auch Probleme und jammern nicht“ müssen jedoch sowohl Männer als auch Frauen fürchten.

Welche Anzeichen gibt es?

Warum wird Workaholismus aber immer noch nicht als Krankheit wahrgenommen? In gewisser Weise mag dies daran liegen, dass Trägheit am Arbeitsplatz oder gar die fehlende Einsicht, überhaupt arbeiten zu wollen, in der Leistungsgesellschaft als Todsünde gelten. Natürlich nicht zu Unrecht kritisiert, da man so auf Kosten der Allgemeinheit lebt, sorgt es doch dafür, dass im Umkehrschluss der hohe Arbeitseinsatz umso mehr honoriert wird. Wer sich selbstlos für die Firma opfert und täglich Überstunden schiebt, ist der große Macher und Firmenprimus Daher kann man schon von einem Ritterschlag sprechen, wenn man über den Kollegen sagt: „Der hat gerade echt viel zu tun.“ Man ist ein Leistungsträger und High-Performer; der Traum eines jedes Chefs.

Es ist eben auch nicht leicht zu erkennen, wer jetzt eben mal schnell ranklotzen muss, um noch rechtzeitig ein Projekt durchzuprügeln oder wer in der Tat süchtig nach Arbeit ist und niemals zur Ruhe kommt – niemals zur Ruhe kommen will. Und kaum jemand stellt sich selbst eine Diagnose aus; zumal man nur mit wenig Verständnis beim Vorgesetzten rechnen kann, wenn man aufgelöst an seiner Bürotür steht und zugibt: „Entschuldigen Sie, Chef. Aber ich habe mir heute eingestanden, dass ich ein Workaholic bin. Ich muss weniger arbeiten und ich brauche Hilfe, um weniger zu arbeiten.“ In der Tat ist es nicht ganz leicht einen Arbeitssüchtigen als diesen wirklich zu identifizieren, weil sich die Sucht, wie alle anderen Abhängigkeiten, langsam in den Alltag einschleicht. Typische Anzeichen sind jedoch:

  • Überstunden ansammeln wie Kids Fotoaufkleber im Panini-Stickeralbum
  • Wenn Pause, Auszeit oder gar pünktlicher Feierabend als ein Zeichen von Schwäche gewertet werden
  • Wenn man auch zuhause gedanklich nicht los kommt von der Arbeit und dieser dort sogar weiter nachgeht
  • Wenn man nur mit Pillen oder anderen Mitteln entspannen kann
  • Wenn andere einen bereits auf das Problem angesprochen haben, aber man nicht zuhören will

Was kann man dagegen tun?

Workaholics sind auf Dauer kontraproduktiv für das Unternehmen, denn langfristig kann man es kaum durchhalten. Es kommt zu Depressionen, Stress und im schlimmsten Fall sogar zu schweren Gesundheitsschäden. So kann sich das Risiko eines Herzinfarkts im Alter deutlich steigern. Und das ist auch der wesentliche Punkt. Denn noch schlimmer als für das Unternehmen sind die Folgen für den Betroffenen selbst. Auch das soziale Gefüge zu den anderen Mitarbeitern kann durch einen falsch verstandenen Arbeitseinsatz empfindlich gestört werden. Daher muss das Unternehmen dem betroffenen Mitarbeiter helfen. Durch den modernen Begriff der Work-Life-Balance gibt es immerhin schon einen Gegentrend, wo es eben nicht mehr auftrumpfend ist, wenn man damit protzt, dass man vor neun Uhr abends ohnehin das Büro nicht verlässt. Neben psychologischen Ansätzen gibt es weitere Möglichkeiten direkt im Büro, um die Mitarbeiter in einem vernünftigen Arbeitspensum zu halten:

  • Förderung der sozialen Unterstützung in Form von Seminaren, die zeigen, wie man mit Arbeitsstress effektiv umgeht. Aber auch Kollaboration sowie die Selbstorganisation und das soziale Miteinander im Team sollten durch Firmenveranstaltung gefördert werden. Dies senkt indirekt den Leistungsdruck.
  • Einrichtung eines Home-Office, damit der Mitarbeiter auch mal entspannt von zuhause arbeiten kann. In einem alten Blogbeitrag hatten wir uns ja bereits mit diesem Thema beschäftigt und herausgestellt, dass diese Methode nicht für jeden Mitarbeiter geeignet ist. Potenzielle Workaholics sollten hierzu lieber nicht verleitet werden, weil sie ja sonst gar nicht mehr zur Ruhe kommen.
  • KPIs können viele Prozesse messen. Zum Beispiel, ob ein Mitarbeiter nicht nur überdurchschnittlich viele Projekte abwickelt, sondern vielleicht sogar zu viele. Neben einem Mindestpensum muss auch eine Höchstgrenze gesetzt werden. Kleiner Tipp: Diese Höchstgrenze am besten nicht transparent für alle sichtbar machen, sonst könnten Sie damit das Gegenteil bewirken, weil viele ehrgeizige Mitarbeiter genau diesen Wert jetzt erreichen wollen, um vor dem Management zu glänzen.
  • Kontrolle, ob die Pausen auch wirklich eingehalten werden. Ebenso sollte ein Limit für Überstunden gesetzt werden.
  • Es mag simpel klingen, aber eine gute Arbeitsorganisation ist hier das A und O. Wenn alle Prozesse aufeinander abgestimmt sind, wird jeder Mitarbeiter das ideale Optimum an Aufgaben erhalten, die ihn weder unter- noch überfordern. Sicher kann es manchmal Stoßzeiten geben, wo mehr anfällt, aber dies darf nicht die Regel sein.
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