Die Rache der Bewerber
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Future of Work

Die Rache der Bewerber

June 20, 2016 Sascha Grosskopf

Es fehlt an qualifizierten Fachkräften!“ Darin sind sich deutsche Industrie und Arbeitgeber schnell einig. Seit Jahren wird dieselbe Botschaft gebetsmühlenartig heruntergeleiert. Demnach gieren die Unternehmen nach frischen Ausbildungskräften und dennoch bleiben viele Stellen unbesetzt, weil sich kein passender Bewerber gefunden hat. Selten stellen sich Personaler dabei jedoch die Frage, ob denn nicht der Kandidat, sondern sie selbst nicht überzeugt hätten. Dabei kann nahezu jeder Beschäftigte, der nach Studium oder Schule mehrere Bewerbungsrunden bei verschiedenen Unternehmen durchlaufen hat, mindestens eine Geschichte erzählen von unmöglichen Vorgesetzten mit noch unmöglicheren Manieren. Da wird während des Vorstellungsgespräch an einem Eis geschleckt, nebenher Mails auf dem Smartphone versendet oder einfach nur gelangweilt gegähnt. Ob unbewusst oder Teil einer wie auch immer gearteten Recruiting-Strategie, die Bewerber bewusst irritieren will - unhöfliches Verhalten schlägt immer negativ aufs Unternehmen zurück. Wenn dann noch eine zeitnahe schriftliche Absage ausbleibt, ist das Unternehmen beim Bewerber endgültig unten durch.

In HR wird dabei zu oft übersehen, dass jeder Bewerber auch als Botschafter fungiert. Denn natürlich wird Otto Normalverbraucher zuhause von seiner Frau Helga Normalverbraucher gefragt, wie denn das Bewerbungsgespräch verlaufen sei. Je nachdem wie drastisch Otto dann das schroffe Verhalten der Recruiter schildert, wird es sich auch seine Frau in Zukunft überlegen, ob sie noch Produkte dieses Unternehmens kauft…und vielleicht erzählt sie vom undiplomatischen Geschick der Personaler auch ihren Freundinnen beim nächsten Kaffeetratsch. So eröffnet sich durch nur einen enttäuschten Bewerber ein großer Streukreis an negativer Berichterstattung. Das Szenario um negative Mundpropaganda erhält eine erschreckende Dimension, wenn man die Thematik auf die Ebene der Digitalisierung anhebt. 

Bewertungsportale als neue Form der Mundpropaganda

Internetforen und soziale Netzwerke wie Facebook oder LinkedIn ermöglichen es Jobsuchenden, sich untereinander auszutauschen. Mit Jobportalen wie Kununu oder Glassdoor haben sich mittlerweile Bewertungsseiten etabliert, um Arbeitgeber nach Gehalt, Fairness und anderen Faktoren zu ranken. Auf der anderen Seite versuchen viele Unternehmen beim Recruiting mit Online-Bewerbungsverfahren der Digitalisierung und damit den Bewerbern gerecht zu werden − nicht selten beschweren sich Jobanwärter dabei aber über instabile und abstruse Eingabeformulare und Ansichtsmasken, die jegliches Bewerbungsengagement im Keim ersticken. Doch gerade der Bewerbungsprozess prägt nicht nur nachhaltig die Sicht des Bewerbers auf den Arbeitgeber, sondern auch auf das Unternehmen insgesamt. Wer mit den Kandidaten pampig umspringt, vergrault sie damit nicht nur für alle Zeiten, sondern schreckt andere potenzielle Bewerber ebenfalls ab. Aber auch die angebotenen Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens können durch schlechtes Recruiting Schaden nehmen. 

Die Kritik der verprellten Bewerber hat schon so manchen Unternehmen äußerst schlechte Bewertungen eingebracht und damit auch sicherlich vielversprechende Talente schon im Vorfeld vergrault. Viele Arbeitgeber sind sich ihrer Ausstrahlungskraft und der Macht abgeschobener Bewerber noch gar nicht bewusst − und wenn, so ist es häufig zu spät. Es ist noch nicht lange her als der bundesweite Discounter Schlecker ein derart ramponiertes Image pflegte, dass schließlich niemand mehr dort einkaufen wollte. Die Kette stand nämlich weniger aufgrund ihrer Produkte, sondern viel mehr wegen ihres harschen Umgangs mit der eigenen Belegschaft und den Arbeitnehmerrechten im Fokus der Kritik. Während es den Konzern heute nicht mehr gibt, kämpfen andere Firmen verspätet und damit vergebens um bessere Bewertungen. Da hilft es dann wenig, mit Bots oder Fake-Accounts (bei denen in Wahrheit die Sekretärin aus dem Unternehmen dahintersteckt) einige positive Meldungen über die Firma in den Onlineforen zu verbreiten − umso peinlicher, wenn dieses doppelte Spiel aufgedeckt wird. Denn wer möchte schon bei einem Chef arbeiten, der auf seiner Homepage von flachen Hierarchien und einem jungen, dynamischen Team frohlockt, im Social Web aber als Sklaventreiber verschrien wird? 

Bewerber als Touchpoints mit der Unternehmensmarke begreifen

Arbeitgeber sollten sich gerade in Zeiten des Fachkräftemangels mehr denn je an den Bewerbern orientieren. Es geht dabei nicht nur um die Besetzung freier Stellen, sondern auch darum, Bewerber als Touchpoints mit der Unternehmensmarke zu begreifen. Denn ein fairer Umgang und auch eine höflich-persönliche Absage können für eine positive Berichterstattung im direkten Umfeld des Bewerbers sorgen. Denn gerade negative Kritiken durch Privatpersonen bleiben häufiger im kollektiven Gedächtnis haften als lobende Stimmen. Natürlich sind beide Seiten mit Vorsicht zu betrachten. Denn die negativen Einschätzungen müssen nicht sogleich das Gesamtportfolio eines Unternehmens wiederspiegeln, sondern sind vielleicht auch nur die subjektiven Stimmen von verzweifelten Bewerbern oder ehemaligen Angestellten, die ihrem Ärger Luft machen wollen. Umgekehrt kann es sich bei den positiven Stimmen einfach um versteckte Werbung handeln. Im schlimmsten Fall wird ein schlechtes Recruiting dazu führen, dass der Bewerber und eventuell seine Bekannten keine Produkte der Firma mehr kaufen. 

Es dürfte also nur im Interesse des Arbeitgebers liegen, wenn er Bewerber so behandelt, wie er selbst auch behandelt werden will. Vielleicht hat man auf diese Weise schon einmal den perfekten Mitarbeiter im Vorfeld verjagt oder dieser hat sich aufgrund der schlechten Presse gar nicht erst gemeldet. Aber es gibt sie, die qualifizierten Fachkräfte. Man muss ihnen nur die Tür offen halten.

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