Gig-Economy: Die Slasher greifen die HR an!
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Talent Management

Gig-Economy: Die Slasher greifen die HR an!

October 23, 2017 Michael Grotherr

Die voranschreitende Digitalisierung ebnet den Pfad für die zunehmende Verbreitung innovativer Arbeitsorganisationsmodelle wie der Gig-Economy – auch bekannt als Crowd Work. Der digitale Wandel erleichtert dabei den Zugang zu professionellem Equipment für alle möglichen Zwecke – vom Produktdesign bis hin zum Videoschnitt. Privatpersonen können nun Aufgaben erledigen, für die früher eine professionelle Infrastruktur nötig war. Viele Unternehmen machen sich dies zunutze und vergeben Aufgaben über das Internet an eine anonyme Menge potentieller Anbieter, die Slasher. Doch wer sind diese Slasher?

Donald Trump, Brexit, Terror in Europa und nun hat auch noch Nordkorea eine Mittelstreckenrakete über Japan hinweg geschossen. Man könnte annehmen, dass die Welt am Abgrund steht. Doch Studien beweisen, dass die Menschen trotz aller Krisen so positiv wie nie in die Zukunft blicken. Nur Unternehmer sehen sich vor unsicheren Zeiten. Manager zögern, langfristig zu planen und reagieren skeptisch auf technologische Entwicklungen, welche die ohnehin schon unübersichtlichen Prozesse weiter beschleunigen. Im beruflichen Alltag könnte dies dazu führen, dass die Organisationen mehr auf Hiring OnDemand setzen, um flexibel und kompetent auf die Auftragslage reagieren zu können. Dieses Konzept, auch bekannt als Blended Workforce, wendet sich von starren Arbeitsverhältnissen ab und setzt auf eine Differenzierung, die der jeweiligen Marktlage entspricht. Beispiele sind der Fokus auf Freelance, Remote Working, Teilzeitarbeit oder eben eine variable Mischung. Bei diesen Themen klappen zumeist die Fußnägel der Gewerkschaftsführer hoch, aber vor allem im angelsächsischen Raum stimmen diese Vorstellungen mehr und mehr mit einer neuen Form des modernen Mitarbeiters überein: Der Slasher!

Und es hat „Slash!“ gemacht

Der Begriff hat freilich nichts mit irgendwelchen Hollywood-Klischees zu tun, wonach Slasher wildgewordene Messer-Mörder in Horrorfilmen sind, die Jagd auf kreischende Blondinen machen, sondern hat seine Herkunft in dem Schrägstrich auf der Tastatur, dem sogenannten Slash. Es suggeriert, wie eng der moderne Mitarbeiter mit der Digitalisierung verknüpft ist – eine Liebe, die leider häufig nicht erwidert wird, denn außer einem WLAN werden viele Betriebsabläufe noch immer wie in den 80er Jahren abgespult. Digitalisierung meint eben mehr als einfach nur einen Internetzugang bereitzustellen. Anders als das typische Geschwafel von Generation X, Y oder Z (und der nach 2010 geborenen Generation „alpha“ wie TEDx Sprecher Mark McCrindle sie nennt – die sich verständlicherweise noch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet), wo immer die Vorlieben und Eigenschaften einer ganzen Generation stur über einen Kamm geschoren wird, sagt die Diskussion um die Slasher weniger über die Mitarbeiter als viel mehr über unsere gegenwärtige Arbeitswelt aus: Und die steht für mehr Selbstständigkeit. Abgesehen davon finden sich die Slasher vor allem in älteren Jahrgängen; es hat also nichts mit einem Generationenkonflikt zu tun. Denn vor allem in Amerika sind es die Slasher – und nicht die Unternehmen – welche nach Freelance, Remote Working etc. schreien. Das hat verschiedene Gründe, auf die wir hier eingehen wollen.

Denn was zunächst nur bei freischaffenden Künstlern Realität war, setzt sich zunehmend in der Breite des Marktes durch. Die zuvor erwähnte Blended Workforce ist hier nur ein Baustein einer Art Plattformökonomie. Der Plattformbetreiber fungiert dabei als ein Vermittler zwischen den auftraggebenden Organisationen und den Freelancern/Slashern. Beispiele dieser Art sind Uber oder Blablacar. Viele Unternehmen nutzen bereits die Kreativität der Crowd, um sogar neue Produktdesigns entwickeln zu lassen oder setzen direkt auf Crowdworker, um neu entwickelte Dienstleistungen zu testen, für die sie nicht über die benötigten personellen und technischen Kapazitäten verfügen.

Gig-Economy als Ausdruck der Work-Life-Balance

Abends fährt dann beispielsweise ein selbstständiger Kioskbetreiber für Uber, um nicht von den Umsätzen seines kleinen Ladens abhängig zu sein. Eine Mutter nutzt die wenigen Stunden, die ihr als Alleinerziehende bleiben, um mit digitalen Designjobs, die sie auf einem Freelancer-Portal findet, etwas dazuzuverdienen. Ein Ehepaar schlüpft tageweise in die Vermieterrolle; ohne die Einkünfte aus Airbnb könnten sie niemals ihrer Berufung als Musiker folgen. Früher nannte man solche Kurzzeit-Berufler Gigs (zumindest in den USA), heute sind es die Slasher, die sich in digitalen Mikro-Jobs betätigen. Auch dafür gibt es bereits einen Begriff aus Übersee, dessen Bedeutung hier in den nächsten Jahren rasch zunehmen wird, wie eine Studie des globalen Jobportals Field Nation zeigt. Dort wird der Arbeitswelt eine sogenannte Gig-Economy prophezeit.

Zuerst in Amerika aus der Not durch die Folgen der Finanzkrise entstanden, erfährt die Gig-Economy jetzt aber eine nachhaltige Professionalisierung, deren Einzug in die deutschen Büros sicher nicht lange dauern wird. Daher ist die HR-Branche in den USA gegenüber dieser neuen Entwicklung derzeit noch offener als in Deutschland, wo es in der Sprache der Personaler noch keine Entsprechung für den Slasher gibt und er fälschlicherweise unter Generation Y und/oder Soloselbständiger verbucht wird. Doch wie zuvor erwähnt, stellen vor allem Werktätige zwischen 54 und 74 Jahren den Großteil der Mikro-Jobber dar. Dies ist natürlich auch durch die hohe Deregulierung und die Altersarmut in den USA zu erklären, die dazu führt, dass ältere Arbeitnehmer häufig einen zweiten Job brauchen. Zwar werden Slasher in Deutschland häufig als Freelancer eingestuft, doch das Konzept geht deutlich weiter, da die Menschen temporär aufgestellt sind und eine hohe Flexibilität besitzen und auch voraussetzen. Eine Aufgabe, der die deutschen Personalbüros mit ihren alten Rezepten kaum gerecht werden können. In Deutschland wird das Phänomen nämlich mehr aus dem Verlangen nach mehr Work-Life-Balance heraus geboren.

Slasher sind keine neue Form der Mini-Jobber

Aber wenn die Menschen sich individualisieren wollen, was hat dann der Chef oder die Personalabteilung damit zu tun? In der Tat eine ganze Menge. Denn in Zeiten, wo Arbeitnehmer immer mehr Ansprüche stellen, steigt die Bedeutung dieses Aspekts der HR dramatisch an – und hat eben auch praktische Auswirkungen auf den Arbeitsalltag.

Aktuell baut sich nämlich auch in Deutschland solch ein "Parallel"-Arbeitsmarkt mit Expertenwissen auf. Es geht dabei auch um jene Plattformökonomie, in welcher die Slasher sich bewegen, die hierzulande oft auch als Crowd- oder Cloudworking bezeichnet wird. Dass die Ressourcen, das Wissen und die Skills jener Slasher gerade für Unternehmen mit Fokus auf Personalpolitik wichtig sind, unterstreicht David Durward, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Kassel, der eine Erhebung der Hans-Böckler-Stiftung zu dem Thema mitverfasst hat. „Es geht ja nicht nur um das Skill-Management, das Personaler künftig auch für externe Crowdworker übernehmen könnten“, beschreibt er anhand der neuen Anforderungen für die HR auf diesem Gebiet, „sondern grundsätzlich um die Integration Externer in interne Abläufe, beispielsweise auch im Rahmen des Projektmanagements.“

Auch die zuvor erwähnten Gewerkschaften scheinen sich mit dem Trend in Deutschland anzufreunden, beschlich sie doch zunächst die Furcht, dass diese Micro-Jobs bestehende Verträge aufweichen könnten. „Wir sehen im Crowdworking auch Chancen. Insbesondere für Personen, die bisher beispielsweise aufgrund eingeschränkter Mobilität, wegen körperlicher Einschränkungen oder weil sie zu weit weg von einem potenziellen Arbeitgeber leben und aus familiären Gründen ihren Standort nicht wechseln können“, meint Robert Fuß, Sekretär beim Vorstand der IG Metall. „Hier treffen zwei Megatrends aufeinander. Die Digitalisierung und die Managementstrategie, Risiken auf andere abzuwälzen. Da steckt viel Dynamik drin.“

Jener Personenkreis, der deshalb bisher nicht oder nur eingeschränkt am Arbeitsleben teilnehmen konnte, erhält über die digitalen Plattformen völlig neue Beschäftigungsoptionen, die aber zu fairen Bedingungen angeboten werden müssten. Die Slasher sind also kein Ersatz für feste Mitarbeiter, aber unter der Lupe des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels betrachtet, müssen Personaler diese Performer kennen und gegebenenfalls ihre Strategie bezüglich moderner Arbeitsmethoden ändern. Grundlage für ein erfolgreiches Projekt ist aber vor allem, dass Personaler, Projektleiter und Slasher gemeinsam und auf Augenhöhe den Rahmen ihrer Kooperation definieren. Auf diese Weise werden auch Schwarzseher, die darin nur eine neue Abwärtsspirale der Sicherheit für Arbeitnehmer erkennen, sich eingestehen, dass das Ende nicht nahe ist. Die Räder werden sich auch morgen noch weiterdrehen und wahrscheinlich sogar schneller als zuvor. Noch hat es nicht Punkt Zwölf geschlagen.

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